Keine Angst, dieser Hund tut nix!

Diese Worte hört man oft, wenn Hundehalter anderen Spaziergängern, Pferden, Joggern oder Velofahrern begegnen. Die Hundehalter lassen ihren Hund, oder Hunde, auf das Gegenüber zurennen, manchmal wild kläffend oder auch ganz voller Dreck. Der oder die so Ausgelieferte fühlt sich unwohl oder hat gar grässliche Angst, doch das einzige was er oder sie zu hören bekommt, ist: Keine Angst, er tut nix! Eventuell folgt noch: „Er will nur spielen.“

hundSchon oft habe ich mich gefragt, was wohl in den Köpfen dieser Hundehalter vorgeht. Und mittlerweile habe ich einige Gründe für dieses respektlose Verhalten gefunden:

Zum einen gibt es natürlich auch unter den Hundhaltern, Menschen, die sich nie Gedanken darüber machen, wie es den Mitmenschen geht. Sie merken es nicht, wenn die von ihrer Dogge angerempelte Person fast Blut schwitzt vor Angst. Sie machen sich nicht mal Gedanken darüber, ob sie die chemische Reinigung, für die von ihrem Hund verdreckte Hose, bezahlen müssten.

Dann gibt es eine weitere, eher kleine Gruppe von Hundehaltern, die denken, dass ihr Golden Retriever immer und überall, mit allem was mitspielen könnte, sei es ein Mensch, ein Hund oder eine Katze, spielen muss. Die Hunde solcher Besitzer geniessen meist Narrenfreiheit und haben überhaupt keinen Anstand gelernt. Über diese Gruppe von Hundehaltern ärgere ich mich immer sehr, vor allem, wenn ich gerade meine vier Hunde abgerufen und angeleint habe, um eben an der Frau oder dem Mann mit dem anderen Hund vorbei zu laufen.

Die dritte, grösste Gruppe aber bilden jene Hundehalter, die ihren Hund einfach auf alles zurennen lassen, weil es gar nicht anders geht. Sie haben ihren Hund nicht erzogen! Der Hund sieht also überhaupt keine Veranlassung, auf sein Herrchen zu hören.

Ich denke, ihr gibt mir Recht, wenn ich behaupte, dass dies in der heutigen Gesellschaft ziemlich fatal ist. Für mich stellen sich da ein paar Fragen:

Sind Hunde in der heutigen Gesellschaft, meist ohne ihren einstigen Job zum Beispiel als Jagdhunde, noch sinnvoll oder überhaupt zumutbar? Ist es in Ordnung, dass sich jedermann einen Hund anschaffen darf, obwohl er gar nicht weiss, was er da an der Leine führt? Müsste man einige Hunderassen, die sogenannten Kampfhunde, verbieten? Oder müsste man Maulkorb und Leinenzwang einführen? Welches sind die heutigen Anforderungen an Hundehalter und ihre Hunde?

Mit solchen Fragen haben sich in jüngster Zeit Experten, aber eben auch mit dem Thema nicht vertraute Politiker herumgeschlagen, nachdem in Zürich vor rund drei Jahren ein Kind durch Pitbulls ums Leben gekommen ist. Ich möchte hier nicht die Listenhunde, also die sogenannten Kampfhunde, zum Thema machen. Nur eines will ich gesagt haben: An den Hunden liegt es nicht, sondern an „ihren“ Menschen, die bestimmte Verhaltensweisen des Hundes fördern oder eben nicht fördern. Die ganze Diskussion die damals losging, hatte zur Folge, dass der Bund zwar schon ein bisschen was in Sache Hundehaltung geregelt hat. Weil aber jeder Kanton noch seine eigenen Regeln hinzufügen kann, wirkt das Ganze sehr willkürlich. So kommt es zum Beispiel, dass ich mit meiner Dobermann Hündin nicht in den Kanton Thurgau gehen darf, ausser ich bezahle für eine Bewillig. Für diese muss ich wohlbemerkt, weder meinen Hund vorstellen noch meine Fachkenntnisse unter Beweis stellen. Wenn ich jemanden im Kanton Thurgau besuchen möchte und meine Hündin vom Auto ins Haus mitnehmen möchte, muss sie einen Maulkorb und die Leine tragen. Für mich ist das ein Verhältnisblödsinn.

Zur Frage, ob das Hundehalten sinnvoll und noch tragbar ist, muss ich noch ein paar Dinge loswerden:

Hunde leben seit mehr als 14000 Jahren mit dem Menschen zusammen und sind somit das erste domestizierte Tier. Es gibt zahlreiche Nachforschungen darüber, warum Mensch und Hund zusammen kamen. Ich denke eine der wichtigsten Erkenntnisse, ist, dass Wölfe, die Vorfahren des Hundes, und Menschen in ganz ähnlichen sozialen Strukturen leben oder lebten. Mensch und Wolf, oder eben Hund, leben im Rudel, in welchem Regeln und Hirarchien gelten. Die Menschen entdeckten den Nutzen der Hunde, zuerst einmal einfach als Wächter für die Sippen, später für verschiedene Arbeiten wie zum Beispiel Schafe oder Rinder treiben, Hof bewachen, im Krieg, als Zughunde oder natürlich als Spezialisten auf der Jagd. Aus dem einstigen Laufraubtier Wolf wurde der Haushund, der dem Menschen bei verschiedensten Aufgaben behilflich war. Heute ist es ein Problem, dass die meisten Hunde ihre ursprünglichen Jobs nicht mehr ausüben, sondern „nur“ noch ihre sozialen Fähigkeiten mitbringen sollen, also Freund des Mensch sein. Die anderen typischen Verhaltensweisen werden in der heutigen Gesellschaft nicht mehr akzeptiert. Zum Beispiel hat mein Nachbar wenig Freude an mir, wenn mein Hund seine Katze jagt. Wenn er die Katze gar noch erwischen würde und diese verletzt wäre, müsste ich mit einer Anzeige und weiteren Massnahmen rechnen. Früher, vor 30 Jahren, war dies noch ganz anders. Meine Grossmutter hatte unter andererm Scottish Terrier, die regelmässig ausbüchsten. Der Bauer, bei dem sie sich an den Hühnern vergnügten, rief jeweils an, dass ihre Hunde bei ihm wären und sie die dann abholen könne. Bis sie kam, durften die Hunde auf einer warmen Decke im Stall warten. Sie bezahlte ihm die Hühner und die Sache war erledigt.

Noch ein ganz anderer Punkt, warum die Hundehaltung heutzutage etwas schwierig sein kann: Wie wir Menschen leben auch immer mehr Vierbeiner auf immer engerem Raum. Die Hunde wurden so gezüchtet, dass sie hypersex sind. Das heisst, die Hündinnen werden zwei bis drei mal pro Jahr läufig und der Rüde ist allzeit bereit. Er ist also das ganze Jahr über zeugungsfähig. Bei den Wölfen war dies anders: Nur das Alphapaar hatte Nachwuchs, und die Wölfin wurde nur einmal im Jahr läufig. Der Rüde konnte nur zu dieser Zeit decken. So wurde der Nachwuchs reguliert. Die heutige Hundepopulation aber ist eindeutig zu gross, als dass es nicht hin und wieder zu unliebsamen Zwischenfällen kommen würde.

Wie ihr sieht, ist es gar nicht so einfach einen Hund als Haustier zu halten, obwohl diese Tiere seit eh und je sehr eng mit dem Menschen zusammenleben und sich deswegen auch enorm, in ihrem Aussehen und vor allem in ihren Verhaltensweisen, an den Menschen angepasst haben. Um nur zwei Beispiele zu nennen:

Der Wolf konnte nicht bellen. Forschungen haben ergeben, dass der Mensch dies gefördert hat bei den Hunden, weil ja das Bewachen der Sippen nötig war. Ausserdem ist es auch eine Anpassung des Hundes an den Menschen, weil Menschen andauernd reden.

Der Wolf kann nicht lachen, so wie dies unserer Haushunde tun. Man sagt dem „submissiv grin“, also unterwürfiges Lächeln. Viele Hunde zeigen das zum Beispiel beim Begrüssen des Menschen. Sie ziehen die Lefzen zu einem „Lächeln“ nach hinten. Aus Forschungen geht hervor, dass dies eindeutig eine Anpassung des Hundes an den Menschen ist, da der Mensch ebenfalls zur Beschwichtigung von Situationen, eben gerade zum Beispiel bei Begrüssungen, lächelt. Der Hund hat sich dies also „abgeschaut“.

Ich liebe meine Hunde sehr. Ich bin mit Hunden aufgewachsen, habe den Nuggi mit ihnen geteilt und habe unendliche viel von ihnen gelernt. Ausserdem habe ich schon früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen für unsere Tiere. Für mich sind die Hunde absolut notwendig. Ich bin überzeugt, dass der Hund dem Menschen in vielerlei Hinsicht ein enorm wichtiger Partner ist. Und dies vielleicht gerade heute, in unserer schnelllebigen, technisierten Zeit…

Ich kann die Hundehalter also nur darum bitten:“Sorgt dafür, dass ihr eure Vierbeiner, gut erzieht, dass ihr Verantwortung übernehmt und auf eure Mitmenschen achtet. (Entsorgt auch den Dreck, den eure Hunde hinterlassen…) Zeigt der Gesellschaft, wie wertvoll die Hunde für die Menschen sind, also aller Menschen bester Freund.“