Letztes Mal sass ich im Wald und beobachtete eine wunderschöne Schnecke, die sich und ihr Haus über einen alten Baumstrunk schleppte. Heute sitze ich in der Tiefgarage und lese in meinem mitgebrachten Buch. Denn diesmal könnte es etwas länger dauern, bis ich vom Hund und dessen Halter gefunden werde.
Im Mantrailing-Kurs für Fortgeschrittenere bewältigen Hund und Halter schon längere Fährten in stark kontaminierter Umgebung. Der Hund, welcher mich sucht, startet auf einem Parkplatz in der Stadt. Er schnüffelt an einem Geruchsträger von mir. Während der Hund den Geruch aufnimmt, sagt ihm der Halter sein Suchwort und hat ihm vorher bereits sein Suchgeschirr angelegt. Nun weiss der Hund genau was jetzt zu tun ist. Endlich geht es los. Der Hund verfolgt jetzt quer durch die Stadt meine Spur. Das heisst nicht, dass der Hund Schritt und Tritt denselben Weg läuft, wie ich ihn zuvor gegangen bin, sondern der Hund wird dort laufen, wo meine Geruchspartikel hängen geblieben sind. Dies ist ein grosser Unterschied zum üblichen Fährtengehen. Denn beim üblichen Fährten verfolgt der Hund über eine verhältnismässig kurze Distanz die Bodenverletzung, welche der Mensch mit der Fährte verursacht hat. Zudem ist beim üblichen Fährtengehenn streng vorgeschrieben, wie der Hund suchen muss. Er muss zum Beispiel die Nase immer ganz auf dem Boden haben und punktgenau auf der Fährte laufen.
Mantrailing ist eine artgerechte Arbeit mit dem Hund. Hunde haben ein ganz individuelles Suchverhalten, welches sie im Mantrailing ausleben dürfen. Wichtig ist ja vor allem, dass am Schluss der zu suchende Menschen gefunden wird…

mantrailing

Mantrailing durch den Wald

Zum Beispiel mich, denn ich warte noch immer in der Tiefgarage, wo mich die Leute bereits komisch anschauen, wie ich da sitze und mein Buch lese. Es sind schon 15 Minuten vergangen. Während ich bloss warte, arbeiten der Hund und sein Halter sich Schritt für Schritt näher an mich heran. Der Hund passiert Kreuzungen, Plätze mit vielen Leuten, Treppen und zeigt sogar schon Türen an, immer mit dem Ziel, meine Geruchsspur zu verfolgen und mich schlussendlich zu finden.
Ich lese gerade eine spannende Passage in meinem Kriminalroman, als ich etwas hinter mir höre. Ich schau mich um, und da ist er auch schon, der wild wedelnde Hund, der mich gerade mit der Nase anstupft und mich dadurch als gesuchte Person anzeigt. Der Hund freut sich sehr und bekommt seine wohlverdiente Belohnung. Etwas über 30 Minuten habe ich in der Tiefgarage gewartet.
Im Mantrailing verfolgt der Hund weite Fährten, zum Teil über mehrere Kilometer. Bei einem gut ausgebildeten Hund können die Spuren Stunden oder gar mehrere Tage alt sein und der Hund findet die zu suchende Person. „Im echten Leben“ braucht man die Mantrailer zur Vermisstensuche, auch in stark kontaminierter Umgebung wie zum Beispiel an sehr belebten Bahnhöfen oder in Einkaufszentren. Ausserdem braucht man die Mantrailer in der Kriminalistik, um Täter zu finden oder Kriminalfälle zu rekonstruieren. Für echte Einsätze werden hauptsächlich Lauf- und Schweisshunde verwendet, da ihre Nasenleistung, durch die Zucht bedingt, noch etwas besser ist, als jene anderer Hundetypen.
Natürlich kann man aber Mantrailing auch als sehr gute, und vor allem sehr artgerechte, Beschäftigung für den Hund betreiben. Ich bin völlig fasziniert davon, was Hunde leisten können mit ihrem Superorgan Nase, und auch wie viel Spass diese „Arbeit“ den Hunden bereitet. Ebenfalls sehr schön zu sehen ist es, wie Hund und Halter zu einem (Such)team zusammen wachsen, der Halter seinen Hund immer besser zu „lesen“ lernt und wie er lernt, ihm zu vertrauen. Hund und Mensch erreichen zusammen ein Ziel!