Rückruf ist mehr als „Komm“ - Freiheit braucht Orientierung
- evazwicker
- vor 7 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Du spazierst entspannt mit deinem Hund auf einem Feldweg. Er läuft frei vor dir her, die Nase am Boden, völlig vertieft in seine Umgebung. Du rufst seinen Namen. Keine Reaktion. Noch einmal etwas lauter. Kurz zuckt ein Ohr, dann schnüffelt er weiter. Vielleicht beginnt jetzt genau das, was viele Hundehaltende kennen: Der Name wird immer lauter, immer genervter wiederholt, bis der Hund irgendwann doch kommt – oder eben nicht.

Viele Menschen denken dann:„Mein Hund hört draussen einfach nicht.“
Doch oft liegt das Problem gar nicht beim Hund. Sondern darin, dass nie klar definiert wurde, was die einzelnen Signale überhaupt bedeuten sollen.
Was soll dein Hund eigentlich tun?
Viele Hunde lernen nie eindeutig, was genau von ihnen erwartet wird.
Der Name wird oft für ganz unterschiedliche Dinge benutzt:
mal als Aufmerksamkeitssignal
mal als Rückruf
mal als Korrektur
manchmal einfach nur aus Gewohnheit
Für den Hund wird dadurch unklar, welche Bedeutung das Signal überhaupt hat.
Dabei macht es im Alltag enorm Sinn, verschiedene Signale sauber voneinander zu trennen:
Signal | Bedeutung |
Name | Aufmerksamkeit |
Orientierungssignal, z.B. "lueg" | „Achte auf mich“ |
Radiussignal, z.B. "langsam" | „Bleib in meiner Nähe“ |
Rückruf - Name plus "Komm" | „Komm zu mir“ |
Notfallrückruf, z.B. Pfeifsignal | „Sofort und schnell zu mir“ |
Denn ob dein Hund gemütlich zu dir kommen, lediglich kurz Kontakt aufnehmen oder sofort umdrehen und lossprinten soll, macht einen grossen Unterschied.
Und genau deshalb braucht auch nicht jedes dieser Signale dasselbe Training.
Orientierung am Menschen: Die eigentliche Grundlage
Viele Menschen beginnen mit dem Rückruftraining direkt draussen im Freilauf oder an der langen Leine. Sie rufen den Hund – oft ohne vorher eine Grundlage geschaffen zu haben.
Doch ein zuverlässiger Rückruf beginnt nicht erst in 30 Metern Entfernung.
Er beginnt viel früher.
Nämlich bei der Orientierung am Menschen.
Damit ist nicht gemeint, dass dein Hund ständig neben dir laufen oder dich permanent anschauen soll. Ein Hund darf schnüffeln, seine Umwelt erkunden und Hund sein. Aber: Er sollte dich dabei nicht komplett vergessen.
Ich wünsche mir bei von meinem Hund regelmässige, freiwillige Orientierung:
kurze Blickkontakte
Reaktionen auf Bewegungen des Menschen
ein „mentales Dabeibleiben“
Ansprechbarkeit trotz Umweltreizen
Du kannst das im Alltag wunderbar beobachten.
Läuft dein Hund vor dir? Dann achte einmal auf seine Ohren. Sind beide komplett nach vorne ausgerichtet oder bleibt vielleicht ein Ohr bei dir?
Oder bleib beim Spaziergang einfach kommentarlos stehen. Wenn dein Hund sich an dir orientiert, wird er ebenfalls langsamer werden, sich umdrehen oder zumindest registrieren, dass du nicht weitergehst.
Diese kleinen Momente sind unglaublich wertvoll.
Denn Orientierung entsteht nicht erst beim Rückruf — sie beginnt bereits in den vielen unscheinbaren Alltagssituationen.
Viele Hunde bieten Orientierung freiwillig an – wir übersehen sie nur
Gerade Welpen und Junghunde orientieren sich oft ganz selbstverständlich am Menschen. Sie schauen uns an, laufen mit uns mit oder achten auf unsere Bewegungen.
Doch häufig merken wir das gar nicht.
Der Hund schaut uns an – wir reagieren nicht. Der Hund orientiert sich – niemand nimmt es wahr. Der Hund checkt freiwillig ein – und es passiert nichts.
Mit der Zeit wird dieses Verhalten dadurch weniger. Verhalten, das sich lohnt, wird häufiger gezeigt. Verhalten, das nie beachtet wird, verschwindet dagegen oft wieder.
Deshalb lohnt es sich enorm, freiwillige Orientierung bewusst wahrzunehmen und zu belohnen. Zusätzlich kann sie mit passenden Übungen gezielt verstärkt werden.
Freilauf bedeutet nicht „Alles egal“
Ein weiterer wichtiger Punkt: Viele Menschen verstehen Freilauf unbewusst als völlige Selbstständigkeit des Hundes. Leine ab bedeutet dann:„Mach einfach dein Ding.“
Doch Freiheit bedeutet nicht, dass Kommunikation endet.
Ein Hund darf sich entfernen, schnüffeln und erkunden – sollte aber trotzdem in Verbindung mit seinem Menschen bleiben. Wenn ein Hund sich direkt nach dem Ableinen komplett aus der Kommunikation verabschiedet, wird zuverlässiger Rückruf meist schwierig.
Genau deshalb sollte ein Hund ohne stabile Orientierung auch nicht einfach ohne Schleppleine laufen. Die Schleppleine ist dabei kein Strafinstrument, sondern ein wichtiges Trainingswerkzeug. Sie verhindert, dass sich der Hund mit Ignorieren selbst belohnt und schafft gleichzeitig Sicherheit und Trainingsmöglichkeiten.
Warum Rückruf oft ungewollt „kaputt trainiert“ wird
Viele Rückrufprobleme entstehen nicht, weil Hunde „stur“ sind, sondern weil sie im Alltag unbewusst genau das lernen, was wir eigentlich nicht möchten, (aufgrund von unserem Verhalten). Hier ein paar typische Fehler:
Der Name wird ständig wiederholt. Es wird mehrfach gerufen.
Der Hund wird gerufen, obwohl klar ist, dass er gerade keine Chance hat zu reagieren.
Der Rückruf bedeutet für den Hund regelmässig das Ende von Freiheit, Spiel oder Spass.
Manche Hunde werden sogar korrigiert, wenn sie beim dritten oder vierten Rufen endlich doch noch kommen.
Hinzu kommt, dass viele Menschen den Rückruf direkt unter hoher Ablenkung trainieren, statt ihn zuerst in kleinen, erfolgreichen Schritten aufzubauen.
Und wichtig: Jeder Rückruf ist Training — auch der misslungene. Denn jedes Mal, wenn ein Hund lernt, dass ein Signal ignoriert werden kann, wird genau dieses Verhalten mittrainiert.
Warum der schnelle Rückruf anders trainiert werden sollte
Vor allem ein schneller oder sogar lebenswichtiger Rückruf sollte nicht einfach „nebenbei“ trainiert werden. Ein Notfallrückruf sollte möglichst reflexartig funktionieren. Genau deshalb arbeite ich hier gerne mit klassischer Konditionierung.
Das Ziel ist nicht, dass der Hund lange über das Signal nachdenkt, sondern dass eine schnelle emotionale Reaktion entsteht und somit ein sehr zuverlässiger Rückruf.
Rückruf bedeutet mehr als nur „Komm her“ - es geht um Emotionen
Ein zuverlässiger Rückruf hat wenig mit blossem Gehorsam zu tun.
Er bedeutet:
Sicherheit im Alltag
Vertrauen zwischen Mensch und Hund
Orientierung trotz Ablenkung
mehr Freiheiten für den Hund
entspanntere Spaziergänge für beide Seiten
Ein Hund, der zuverlässig ansprechbar ist, kann oft deutlich mehr Freiheiten geniessen. Gleichzeitig entsteht im Alltag viel mehr Ruhe, weil Kommunikation nicht erst dann beginnt, wenn es bereits schwierig wird.
Rückruf ist deshalb nicht einfach nur ein Signal — sondern ein wichtiger Teil der Beziehung zwischen Mensch und Hund.
Video: Warum Freilassen bereits Teil des Rückrufs ist
In meinem Video zeige ich, weshalb Rückruf nicht erst in grosser Distanz beginnt, sondern bereits in den ersten Sekunden nach dem Freilassen des Hundes. Genau dort wird sichtbar, ob Orientierung und Kommunikation im Alltag bereits funktionieren.
Erziehung Basic Kurs
Genau an solchen Grundlagen arbeiten wir auch im Erziehung Basic Kurs:
Orientierung am Menschen
sinnvoll aufgebauter Rückruf
Kommunikation im Alltag
Leinenführigkeit
Impulskontrolle
klare und verständliche Signale
Der Kurs eignet sich für Junghunde und erwachsene Hunde und legt den Fokus auf alltagstaugliches, verständliches Training für Mensch und Hund in Kleingruppen.
Der nächste Kurs startet am 11. Juni. Hier findest du weitere Informationen und die Anmeldeoption.

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